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Darf ich bitten? Dorit Linke


Nach einiger Zeit Pause habe ich mal wieder ein Interview geführt ^^ Am Donnerstag konntet ihr ja schon meine Rezension zu "Jenseits der blauen Grenze" lesen. Auf der Frankfurter Buchmesse durfte ich ein kurzes Interview mit der Autorin Dorit Linke führen.
Also los geht's:



Zum Einstieg möchte ich Sie bitten etwas von sich zu erzählen. Damit meine lieben Leser auf dem Blog auch wissen, wer Sie eigentlich sind.

Dorit Linke auf der Buchmesse
Also ich bin 1971 in Rostock geboren, also in der DDR großgeworden. Das heißt Teile des Romans sind tatsächlich auch autobiographisch. Dann habe ich 1990 in Rostock Abitur gemacht,  bin nach Berlin gegangen, habe dort studiert und da lebe ich nach wie vor.

 Warum haben Sie grade das Jahr 1989 gewählt als Zeitrahmen für „Jenseits der blauen Grenze“?

Das hat sich im Grunde so ergeben. Ich wollte schon aus der Sicht von Jugendlichen schreiben und da war es naheliegend mein Alter zu nehmen.  Das war das was ich auch am besten konnte und worüber ich auch am meisten Bescheid wusste. Es war klar, dass jemand der 14 war nicht unbedingt an Flucht dachte. Die Hauptpersonen mussten also schon ein gewisses Alter haben und so hat sich halt dieses Jahr 1989 ergeben.
Und natürlich auch um nochmal dieses Absurde aufzuzeigen. Niemand wusste wie die Entwicklung laufen würde, was passieren würde. Es war ja etwas,  was niemand hätte vorausahnen können. Es war nicht absehbar, dass tatsächlich die Mauer aufgehen würde und dann ein Jahr später noch die Wiedervereinigung stattfinden würde. Mit diesem Moment wollte ich ein bisschen spielen.
 Der letzte DDR-Flüchtling ist tatsächlich erst im September 1989 über die Ostsee geflohen, also zwei Monate vor dem Mauerfall ist der noch über die Ostsee geschwommen. Es gab Menschen, die also noch kurz vorher diesen Schritt gemacht habe. Den letzten Mauertoten gab es dann im Februar 1989 und das war auch eine tragische Geschichte. Der wurde erschossen und ein halbes Jahr später geht mehr oder weniger sang- und klanglos die Mauer auf. Wobei das wirklich ein Wahnsinnsereignis war und damit wollte ich so ein bisschen arbeiten.

 Das finde ich sehr interessant, weil ich das ja nur aus den Geschichtsbüchern kenne.  Wir haben in der Schule das aus wirtschaftlicher Sicht analysiert und deswegen war ich etwas verwundert, da für mich immer irgendwie klar war, dass das Ende der DDR schon Anfang der 80er absehbar war.
Aber nun zur nächsten Frage. Sie haben die Mauertoten ja schon angesprochen. Die Mauer ist ja aus heutiger Sicht die offensichtlichste Fluchtroute. Warum haben Sie ausgerechnet den
Grenzwachturm Kühlungsborn -
von Malchen35 via Wikimedia Commons
Fluchtweg „Ostsee“ für Ihr Buch gewählt?

Weil ich an der Ostsee selber großgeworden bin. Weil die Ostsee, und das Meer an sich, für mich immer ein Symbol für die Freiheit gewesen ist. Weil es keine sichtbare Grenze gab. Also es war klar da ist diese weiße Boje über die man nicht drüber schwimmen durfte. Erstens, weil es gefährlich ist im tiefen Wasser zu schwimmen und weil es eben auch dann Grenzgebiet war. Da gab es ja nur diese graue Masse, man hat nicht so auf diese Mauer gestarrt, die einem vor Augen geführt hat „Jetzt ist Schluss“ sondern es war das Meer, es war gleichzeitig auch ein Stück Freiheit.
Diesen Weg wollte ich beschreiben, weil er für mich halt naheliegend war. Ich bin an der Ostsee groß geworden. Wenn man jemals gedacht hat: „Ich würde gerne was anderes sehen, ich würde gerne abhauen“, dann wäre man nicht nach Berlin gefahren um dort über die Mauer zu klettern. Es gab eben auch die Schicksale, also Menschen, die es probiert haben. Mit diesen Menschen habe ich mich auseinandergesetzt. Mit diesen Schicksalen. Es gibt inzwischen einige Bücher und auch Ausstellungen, die darüber berichten.  Die Interessantesten sind die Hilfsmittel, die manche sich gebaut habe. Da gibt es einen der hat sich in seiner Garage sein eigenes U-Boot gebaut und getestet und wollte damit abbauen. Also ein sehr kreativer Umgang damit. Es haben auch sehr viele Menschen versucht über die Ostsee zu fliehen und haben es eben nicht geschafft. Einige ja, einige nicht.

Die meisten Jugendbuchautoren schreiben ja sehr gefällig. Erzählen alles aus. Warum haben Sie sich stattdessen für einen Bewusstseinsstrom entschieden?

Ostsee -von Kharlosluz via Wikimedia Commons
Ich habe mich jetzt gar nicht so daran orientiert, was andere machen. Ich wollte, dass die Geschichte stimmt und ich wollte so schreiben, dass es für Menschen, die das Buch lesen, nachvollziehbar wird. Dass die sich identifizieren können und verstehen warum passiert das jetzt. Warum gehen die ins Meer? Wie fühlt man sich dabei? Ich denke es ist das beste Mittel, dann direkt aus dieser Perspektive zu erzählen, als jetzt zu beschreiben, wie sie sich fühlen, wie schrecklich das alles ist. Diese Perspektive habe ich bewusst gewählt, damit der Leser eben im Meer ist. Die Struktur mit den Rückblenden habe ich auch deswegen bewusst gewählt, damit es dann nicht zu heftig wird. Wenn man jetzt nur diese Szenen im Meer
hat, wäre es ja zu anstrengend. Die Reihenfolge der Rückblenden ist auch bewusst so gewählt, damit ein bisschen Spannung aufkommt und man sich fragt, warum sie das jetzt machen.

Ich fand es alles sehr realistisch geschrieben. Grade auch die Schwimmszenen. Sie haben sehr ausführlich beschrieben, wie Hannah trainiert. Haben Sie da selbst Erfahrungen?

Ja, ich war früher Rettungsschwimmerin, bin viel geschwommen in meiner Jugend, auch im Freien und kenne mich da ganz gut aus.

Haben Sie beim Schreiben bestimmte Rituale gehabt?

Es ist eher die Frage, wann macht man es. Man ist ja auch eingebunden im normalen Leben. Bei mir war es immer so, dass ich wusste in den Morgenstunde da stört mich keiner. Für mich war es immer: Aufstehen und dann schreiben. Weil Abends fehlt einem dann oft die Motivation und man hat keine Ideen mehr. Außerdem wird man häufiger gestört. Die beste Zeit ist natürlich frühmorgens von 6 bis 8, da ruft auch noch keiner an um diese Zeit.

Ist ja auch noch ziemlich früh!
Wer hat denn „Jenseits der Blauen Grenze“ zuerst gelesen, nachdem Sie fertig waren?

Ich habe sehr, sehr lange daran gearbeitet. In verschiedensten Fassungen. In den letzten 6-7 Jahren haben es ganz, ganz viele Menschen gelesen. Ich kann jetzt gar nicht mehr sagen wer alles.

Gab es sehr viele Veränderungen während dieser Zeit?

Ja, sehr viele Veränderungen. Es haben viele Freunde mich dabei begleitet und haben das Buch irgendwie, irgendwann gelesen in einzelnen Etappen. Da müsste ich jetzt eine ganze Liste von Namen nennen.

Gab es eigentlich einen bestimmten Auslöser, wo Sie gesagt haben „Ich möchte jetzt ein Buch über diese Zeit schreiben“?

Im Grunde wollte ich ein Buch über Rostock schreiben, über das Großwerden in Rostock. Da ging es noch gar nicht primär um eine Fluchtgeschichte. Die kam dann irgendwann dazu. Wenn ich über Rostock und die DDR schreibe wollte ich dieses Motiv daran koppeln.

Haben Sie vor noch ein Buch zu schreiben? Oder haben Sie sogar schon Ideen?

Ja, ich schreibe grade an einem Kinderbuch, welches in Berlin angesiedelt ist. Aber in der heutigen Zeit.

Also nicht nochmal Wende?

Mal gucken wie es läuft und was für Ideen ich dann auch habe. Ich fände es auch spannend eine Fortsetzung zu schreiben, zu gucken, was aus den Charakteren so geworden ist. So  5 Jahre später. Diese Generation nochmal aufzugreifen, ist dann ja auch meine Generation, also meine Geschichte. Das finde ich schon sehr spannend. Sich mit der DDR-Vergangenheit nochmal auseinander zu setzen ist auch wichtig. Das ist noch nicht so lange her und es gibt viele Menschen, die in Deutschland leben, die davon geprägt sind.


Danke für dieses Interview.

Wie hat es euch gefallen? Habt ihr den Mauerfall schon bewusste miterlebt oder gehört ihr, wie ich, zu der Generation, die nur ein vereinigtes Deutschland kennt?

Übrigens: In den letzten Wochen sind auch noch ein paar andere "Darf ich bitten?"- Interviews erschienen. Schaut doch einfach mal in der Interviewliste vorbei.

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