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„Vermählung“ oder vom Wagnis einen Jane Austen Roman neu zu erzählen



Ich bin ja was Neuerzählungen von Klassikern oder Märchen angeht immer eher skeptisch. Und Curtis Sittenfeld hat sich hier nicht an irgendein Buch gewagt, sondern an „Stolz und Vorurteil“, eines meiner Lieblingsbücher. „Vermählung“ ist Teil eines Projektes von Harper Collins alle Bücher von Jane Austen zu modernisieren und neu zu erzählen. Bisher erschienen ist z.B. unter anderem eine Neuerzählung von Northanger Abbey, die Val McDermid in Angriff genommen hat. Dabei ist es das Ziel dem Original so treu wie möglich zu bleiben.


In „Vermählung“ hat man allerdings im ersten Augenblick das Gefühl als ob Curtis Sittenfeld nichts heilig ist. Denn sie versetzt die Handlung nicht nur in die Moderne sondern auch gleich vom ländlichen England nach Cincinatti, Ohio, USA. Und Lizzy, Jane und ihre Schwestern sind wesentlich älter als im Original, mal ganz abgesehen davon, dass der Altersunterschied zwischen ihnen ebenfalls um einiges größer ist (Mehr als 15 Jahre liegen hier zwischen Jane und Lydia, im Original sind es grade mal 7). Überraschenderweise funktioniert diese Art der Neuerzählung wirklich gut.

Zwar hat man oft das Gefühl, die Handlung und die agierenden Personen nicht wiederzuerkennen, aber genauer betrachtet folgt „Vermählung“ dem Vorbild „Stolz und Vorurteil“ sehr genau, lediglich das Ende weicht stark von der Vorlage ab. Einer Tatsache, an der sicher auch die eher kleine Rolle von Kathy de Bourgh (im Orginal: Catherine de Bourgh) Schuld ist. Dafür bekommen wir tatsächlich einmal die Hochzeit von Jane mit.

Ich bin selbst immer noch verblüfft, wie gut mir dieses Buch gefallen hat. Und obwohl ich das Original fast schon in und auswendig kenne, wurde ich hier immer wieder überrascht. In den meisten Fällen wich diese Überraschung dann der Realisation, dass die Szene oder Person tatsächlich eine Entsprechung im Original hat.

Manchmal jedoch hat mir der Humor von Jane Austen gefehlt, sie hatte einfach eine unvergleichliche Art zu schreiben. Man muss es Curtis Sittenfeld aber meiner Meinung nach hoch anrechnen, dass sie gar nicht erst versucht Jane Austen in dem Aspekt nachzueifern. Sätze wie “it is a truth universally acknowledged that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife.” können einfach nur einmal in der Literaturgeschichte geschrieben werden. Dafür eifert Curtis Sittenfeld in einem anderen Punkt ihrem Vorbild umso mehr nach: Im Menschen beobachten. Zwar bin ich selbst kein Teil der amerikanischen Oberschicht, aber die Art und Weise, wie diese hier beschrieben wird hört sich sehr… hmm… ja… richtig an. Bingley und Darcy haben hier beide einen „richtigen“ Job: Sie sind Ärzte, wobei Darcy als Neurochirurg eindeutig erfolgreicher ist als sein Freund. Und obwohl sie ihren Reichtum genießen, drängen sie sich nicht ins Lampenlicht. Vor allem Darcy, der neben seinem sicher nicht unerheblichen Gehalt auch noch ein großes Erbe besitzt, zeigt keinerlei Anstalten in irgendeiner Form eine öffentliche Person zu werden.

Am meisten hat mich persönlich die ganze Sache mit der Reality-Show gestört. Reality-Show? Ja, Bingley hat nämlich bei einer Version von „Bachelor“ mitgemacht und das ist etwas, dass immer wieder auftaucht und das Ende stark mitbestimmt. Ich hatte da so ein bisschen das Gefühl als ob alle aus ihren Rollen fallen würden, grade die sonst so vorsichtige Lizzy. Vielleicht weil es für diesen Teil keine wirkliche Entsprechung in „Stolz und Vorurteil“ gibt und Curtis Sittenfeld improvisieren musste.
Die andere Sache mit der ich wirklich ein Problem hatte war Mary. Oder besser gesagt: Das letzte Kapitel. Dieses ist aus Marys Sicht geschrieben und wie ich finde problematisch. Nicht weil Mary darin sagt, dass sie auch ohne Mann (oder Frau) auskommt. Oder, weil sie in diesem Kapitel endgültig zum feministischen Klischee wird. Sondern weil ich irgendwie das Gefühl habe das Mary asexuell sein soll. Gut, Asexualität als Begriff ist ein sehr weites Feld, das sowohl Menschen umfasst, die quasi keinerlei sexuelle Bedürfnisse haben als auch solche, die einfach anderen Menschen gegenüber keine sexuelle Anziehung verspüren. Aber Asexuell und zweimal täglich masturbieren kratzt glaube ich schon sehr stark an der Definitionsgrenze. Auch, weil Mary generell keinerlei Interesse an zwischenmenschlichen Beziehungen zeigt und nicht nur keines an Sex. Was schade ist, weil dadurch so ein bisschen die Hintertür „Du hast nur noch nicht den/die Richtige/n gefunden“ offen bleibt.

Ist es eine gelungene Neuerzählung?

Ja, das ist es. Sie ist anders als ich es erwartet hatte, aber eben auch um Welten besser, als ich es erwartet hätte. Trotz der negativen Punkte. Zwar denke ich, dass Jane Austen heute eher Geschichten über die Mittelklasse erzählen würde (schließlich würde sie selbst dieser heute sehr wahrscheinlich angehören), aber wenn man versucht dem Original so treu wie möglich zu bleiben, ist die Umgebung wirklich gut gewählt. Alles in allem sehr empfehlenswert, wenn man "Stolz und Vorurteil" mal anders erleben möchte.


Informationen zum Buch

Quelle: Harper Collins

Vermählung


Übersetzerin: Sabine Schilasky
E-Book
600Seiten
8,99€
ISBN 9783959676748
Website des Verlags

-Rezensionsexemplar-

Ich habe ein E-Book von "Vermählung" im Tausch gegen eine ehrliche Rezension vom Verlag über NetGalley bekommen.

Kommentare

  1. Huhu!

    Von diesen Neuerzählunge im Rahmen des Projektes von Harper Collins habe ich bisher nur "Northanger Abbey" von Val McDermid gelesen, und das konnte mich leider nicht so überzeugen... Da hatte ich einfach das Gefühl, dass zu wenig verändert wurde, sondern die Geschichte eher halbherzig in die Gegenwart verlegt wurde, so dass es sich nicht wirklich lohnte, die neue Fassung zu lesen.

    Diese hier klingt trotz der Kritikpunkte viel interessanter!

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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    1. Hey,

      danke fürs Verlinken :)

      So eine Neuerzählung ist immer schwierig, grade bei so Klassikern wie Jane Austen. Da hat ja schließlich jeder seine eigene Meinung zu was wichtig ist und was nicht. Und wenn man zu wenig verändert passt es meistens nicht mehr so richtig in die Gegenwart.

      LG
      Lena

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  2. Ich habe mir dieses Buch nicht geholt, aus den selben Gründen weshalb du skeptisch warst und ich mir nicht sicher, ob mich deine Rezension beruhigt oder noch skeptischer macht?! :D :D

    Ich weiß wirklich nicht, wie das mit einem Reality-Show in der Mitte funktionieren soll :P
    Naja, vielleicht stecke ich da irgendwann nochmal meine Nase rein :D

    LG Sina

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    1. Hey Sina,

      die Meinungen zu Vermählung sind sehr gemischt, man muss bereit sein Stolz und Vorurteil ein kleines bisschen zurückzulassen um das Buch genießen zu können. Es ist nämlich ganz sicher keine vorsichtige Neuerzählung.

      LG
      Lena

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  3. Huhu Lena,
    hmmmmm, "Stolz und Vorurteil" ist nicht mein Genre, aber evtl. würde mir diese Variante gefallen - auf jeden Fall interessant.
    LieGrü
    Elena, die per #litnetzwerk hierher gefunden hat

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  4. Das wirkt wirklich wie eine sehr freie Interpretation, aber generell finde ich die Idee echt interessant, Klassiker in die heutige Zeit zu holen und zu schauen, wie die Handlung noch funktionieren würde. Dazu muss ich aber sagen, dass ich das Original noch gar nicht kenne, darum kommt das aktuell eh noch nicht für mich infrage :D Aber schön dass es dir trotz der Kritik gefallen hat!

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    1. Hi Jacquy,

      ja, ich finde die Idee auch gut. Man muss als Leser es nur schaffen sich etwas von der Original-Version zu befreien. Das ist gar nicht so leicht, wenn man das Original liebt.

      LG
      Lena

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